Wer wir sind

Jahresbrief 2013

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Fortschritte messen

Das Symbol der Industrialisierung – die Dampfmaschine – zeigt uns, wie wir die Welt im 21. Jahrhundert verbessern können.

Über die Feiertage las ich eine herausragende Chronik von William Rosen: „The Most Powerful Idea in the World“. In diesem Buch wird beschrieben, wie viele innovative Lösungen erforderlich waren, bis die Dampfkraft genutzt werden konnte. Zu den wichtigsten Neuerungen gehörte ein Messsystem für den Energieertrag von Dampfmaschinen und ein Mikrometer, das als „Justizminister“ bezeichnet wurde und mit dem man winzige Abstände messen konnte.

Solche Messwerkzeuge, schreibt Rosen, halfen Erfindern zu erkennen, ob minimale Änderungen im Design, z. B. hochwertigere Bauteile, zu Verbesserungen wie einer Leistungssteigerung und einem geringeren Kohleverbrauch führten und damit für den Bau effizienterer Dampfmaschinen erforderlich waren. Von den innovativen Lösungen im Bereich der Dampfkraft können wir aber noch viel mehr lernen: Ohne das Feedback durch präzise Messungen, so schreibt Rosen, läuft der Erfindungsprozess „ungleichmäßig und unberechenbar“ ab. Mit Feedback wird der Erfindungsprozess „alltäglich“.

Um 1805 stellte das als „Justizminister“ bezeichnete Mikrometer für den Autor William Rosen eine Art Messsystem-Wunderwaffe im Kampf gegen Ungenauigkeiten dar. Die Erfinder im Zeitalter der industriellen Revolution, so Rosen, setzen es wie das Schwert Excalibur gegen den Drachen ein.

Natürlich hat unsere Stiftungsarbeit wenig mit der Herstellung von Dampfmaschinen zu tun. Im letzten Jahr ist mir jedoch immer wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, Messsysteme einzusetzen, um das Leben der Menschen zu verbessern. Man kann hervorragende Fortschritte erzielen, wenn man ein klares Ziel formuliert und ein Messsystem verwendet, das den Fortschritt in Bezug auf dieses Ziel vorantreibt. Das ist eine Feedbackschleife, die der von Rosen beschriebenen ähnelt. Vielleicht kommt Ihnen das alles ziemlich elementar vor, aber es erstaunt mich immer wieder, wie oft dieser Schritt nicht befolgt wird und wie schwierig es ist, diesen Messvorgang korrekt in die Tat umzusetzen.

Es wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, Messsysteme einzusetzen, um das Leben der Menschen zu verbessern.

In meinen bisherigen Jahresbriefen habe ich mich öfter mit den Auswirkungen innovativer Lösungen auseinandergesetzt, die dazu beitragen können, Hunger, Armut und Krankheiten zu lindern. Aber innovative Lösungen – ganz egal, ob es sich um einen neuen Impfstoff oder um verbessertes Saatgut handelt – können nichts bewirken, wenn sie nicht die Menschen erreichen, die am meisten von ihnen profitieren. Darum möchte ich mich im diesjährigen Jahresbrief damit beschäftigen, wie innovative Lösungen in der Erfolgsmessung eingesetzt werden können. Denn damit können neue und effiziente Möglichkeiten gefunden werden, diese Werkzeuge und Dienstleistungen bedürftigen Kliniken, Bauern und Unterrichtenden zur Verfügung zu stellen.

Ein genauerer Blick auf die Zahlen der im Gesundheitswesen ländlicher Gebiete gemachten Fortschritte in der Gesundheitsstation Germana Gale Health Post in Äthiopien. Ich bin beeindruckt, welche Fortschritte im letzten Jahr beim Einsatz von Daten und Messsystemen erzielt wurden, die einer Verbesserung der Lebensqualität der Menschen dienen (Dalocha in Äthiopien, 2012).

Unsere Stiftung unterstützt diese Initiativen, aber wir müssen alle noch viel mehr tun. Wenn wir uns vor Augen halten, wie angespannt die Haushaltslage auf der ganzen Welt ist, ist es nur natürlich, dass Regierungen die effiziente Umsetzung der von ihnen finanzierten Programme fordern. Wenn wir diese Forderungen erfüllen möchten, benötigen wir bessere Messverfahren, mit denen wir herausfinden können, welche Ansätze funktionieren und welche nicht.

In diesem Brief werde ich überzeugende Beispiele aus dem letzten Jahr hervorheben, bei denen Messung und Bewertung echte Vorteile brachte. In Colorado haben Melinda und ich erfahren, dass ein Schulbezirk ein neues Messsystem verwendet, mit dem die Effizienz der Lehrer bewertet und gefördert werden soll. In Äthiopien habe ich gesehen, wie ein armes Land die Ziele der United Nations übernahm und seiner Bevölkerung nun ein besseres Gesundheitssystem bieten kann. In Nigeria habe ich gesehen, wie uns die digitale Revolution ermöglicht, Messsysteme in der Kampagne zu Ausrottung von Polio einzusetzen. Dank Mobiltelefonen, Satelliten und kostengünstigen Sensoren lassen sich Daten immer schneller und präziser erfassen. Diese modernen „Justizminister“ helfen uns außerdem dabei, schnellere Fortschritte im Bildungswesen, in der Landwirtschaft sowie bei anderen Gesundheitsinitiativen zu erzielen.

Die Entwicklungsziele

Acht Ziele zur Erhöhung der Lebensqualität der Ärmsten dieser Welt haben die Themen Gesundheit und Entwicklung erneut in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Als Vorsitzender von UNICEF in den Achtzigerjahren regte Jim Grant eine weltweite Kampagne zur Erhöhung des Impfschutzes von Kindern gegen tödliche Krankheiten an. Auf diesem Foto hält er einen Jungen auf dem Arm, der während des Völkermords von 1994 von seinen Eltern getrennt wurde (Nyamata, Ruanda, 1994). 

Ein Unternehmen hat zum wichtigsten Ziel seine Umsätze zu steigern. Das Management legt die Vorgehensweise fest, z. B. eine Verbesserung der Kundenzufriedenheit oder neue Produktfunktionen, durch die der Umsatz gesteigert werden kann und entwickelt anschließend ein System, mit dem der Fortschritt regelmäßig gemessen wird. Wenn das Führungsteam die falschen Messverfahren einsetzt oder wenn die Ergebnisse nicht besser als die der Konkurrenz sind, sinken die Umsatzzahlen. Business-Zeitschriften und Business-Schulen analysieren, welche Messsysteme die Unternehmen nutzen und welche besonders wirksam bzw. unwirksam waren. Andere Unternehmen profitieren von diesen Analysen. Sie lernen durch die Erfahrung der Konkurrenz welche Taktik und welche Strategien funktionieren und welche nicht. In den letzten 50 Jahren hat man immer mehr dazugelernt und weiß nun viel besser, wie man Messsysteme verwenden kann um geschäftliche Erfolge zu verzeichnen.

Die Millenniums-Zielsetzungen sind zu einem Zeugnis dafür geworden, wie die Welt gegen die Hauptprobleme der Armut vorgeht.

Anders als im Business, wo die Umsatzzahlen das Wichtigste sind, verfolgen Stiftungen und Regierungsprogramme selbst gesteckte Ziele. In den USA konzentriert sich unsere Stiftung hauptsächlich auf die Verbesserung des Bildungssystems. So möchten wir beispielsweise, dass mehr Kinder einen High School-Abschluss erreichen. In armen Ländern kümmern wir uns um die Gesundheit, die Landwirtschaft und die Familienplanung. Wenn man ein Ziel vor Augen hat, entscheidet man zuerst welcher grundlegende Faktor geändert werden muss, um dieses Ziel zu erreichen. Das ist auch bei Unternehmen so. Hier werden unternehmensinterne Ziele festlegt (z. B. die Kundenzufriedenheit). Anschließend entwickelt man einen Plan, mit dem die Änderungen umgesetzt werden können und eine Möglichkeit, diese Änderungen zu messen. Das Messsystem wird als Feedback verwendet, das dazu dient, erforderliche Anpassungen vorzunehmen. Meines Erachtens nach schlagen viele Bemühungen fehl, weil nicht das richtige Messsystem verwendet wird oder weil nicht genügend in dessen korrekte Umsetzung investiert wird.

Ich denke, das beste Beispiel für die Auswahl eines bedeutenden Ziels und dessen Messung ist die Impfkampagne der UNICEF in den Achtzigerjahren unter der Leitung von Jim Grant. Wahrscheinlich haben nur wenige Menschen von Grant gehört. Dennoch hatte sein Handeln einen so bedeutenden Einfluss auf das Weltgeschehen wie das eines jeden profitorientieren Unternehmers, z. B. Henry Ford oder Thomas Watson.

Grant legte ein ehrgeiziges Ziel fest: Er wollte 80 % aller Kinder weltweit mit lebensrettenden Impfstoffen versorgen. Das war in den armen Ländern damals nicht einfach zu bewerkstelligen. Wir sprechen von einer Zeit, in der das Faxgerät das fortschrittlichste Kommunikationsgerät war. Aber als Grant ein zuverlässiges System zur Datenerfassung konzipiert hatte, konnte er seine Ziele angehen. Damit konnte er sehen, welche Länder ihre Durchimpfungsraten gesteigert hatten. Er verwendete diese Daten anschließend, um anderen Ländern beim Erreichen desselben Ziels zu helfen. Ländern, die zurückblieben, war das peinlich. Also stellten sie zusätzliche Ressourcen bereit und richteten ihr Augenmerk verstärkt auf dieses Problem – mehr als es ohne diese Daten der Fall gewesen wäre. Dank der Bemühungen von Grant und den vielen Beteiligten an der Impfkampagne stieg der Prozentsatz an geimpften Kleinkindern weltweit von 17 Prozent im Jahr 1980 bis auf 75 Prozent im Jahr 1990. So konnten jedes Jahr Millionen Menschenleben gerettet werden.

Leider hielten einige der Erfolge nicht an. Sobald das Impfziel erreicht wurde, investierten die Geber anderenorts und die Durchimpfungsraten gingen in vielen Ländern zurück.

Der Gedanke Grants stand im Jahr 2000 Pate für eine Vereinbarung der United Nations mit Fokus auf acht Ziele, die das Leben der ärmsten Menschen auf der Welt verbessern sollten. Diese Millennium Development Goals (MDG) werden von 189 Nationen unterstützt. Das Jahr 2015 wurde von den UN als Termin für deren Erreichung festgelegt. Das war das erste Mal, dass Ziele festgelegt wurden, die eine Verbesserung um bestimmte Prozentwerte zur Grundlage hatten und die aus mehreren wichtigen Bereichen ausgewählt wurden, u. a. aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Grundeinkommen. Viele Menschen nahmen an, dass die Vereinbarung zu den Akten gelegt würde und wie so viele andere UN-Resolutionen und Regierungserklärungen in Vergessenheit geraten würde. Da die Ziele aber deutlich und konkret formuliert waren, konnte man sich auf die höchste Priorität konzentrieren. UN-Behörden, Geberländer und Entwicklungsländer überprüften, anhand welcher Programme die Ziele zum geringstmöglichen Kostenaufwand erreicht werden könnten. Man erkannte, dass viele Programmen nicht die nötige Effizienz aufwiesen. Daher forderte man eine rigorosere Bewertung der Effizienz solcher Programme. In einigen Fällen wurden die Ziele verwendet, um die Länder davon zu überzeugen, weiter an den Programmen im Kampf gegen die Armut zu arbeiten.

Das Jahr 2015 rückt näher und die Welt sieht genau hin, inwiefern diese Ziele erreicht werden können. Es werden zwar nicht alle Ziele erreicht werden, dennoch haben wir einen beeindruckenden Fortschritt erzielt, und die Ziele sind ein Zeugnis dafür, wie die Welt gegen die großen Probleme von denen die Armen betroffen sind vorgeht. Das vereinbarte MDG-Ziel, die extreme Armut um die Hälfte einzudämmen, wurde bereits vor Ablauf der Frist erreicht. Ebenso das Ziel, den Anteil der Weltbevölkerung ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser um die Hälfte zu senken. Die Lebensbedingungen für mehr als 200 Millionen Slumbewohner konnten ebenfalls verbessert werden – dabei wurde das Ziel sogar doppelt erreicht. Einige Ziele sind jedoch so hoch gesteckt, dass sie wohl eher nicht erreicht werden. Beispielsweise konnten wir die Anzahl der Frauen, die bei der Entbindung sterben, um fast die Hälfte reduzieren. Das ist zwar eine hervorragende Leistung, aber wir werden das Ziel von 75 % nicht erreichen.

Ebenfalls werden wir eines der wichtigsten Ziele vorausichtlich nicht erreichen: die Anzahl der Kinder, die vor dem Alter von fünf Jahren sterben, um zwei Drittel zu senken. Wir haben bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Die Kindersterblichkeit konnte von fast 12 Millionen im Jahr 1990 auf 6,9 Millionen im Jahr 2011 gesenkt werden. Das bedeutet zwar, dass weltweit jeden Tag 14.000 weniger Kinder als im Jahr 1990 sterben, aber wir werden das Ziel von zwei Dritteln bis zum Jahr 2015 nicht erreichen.

Dennoch erreichen viele einzelne Länder dieses Ziel. Eines dieser Länder ist Äthiopien. Hier wurde im Rahmen der MDG-Vereinbarung das Gesundheitssystem grundlegend überholt, was zu einem drastischen Rückgang der Kindersterblichkeit führte.

Bessere Lebenserwartung durch Impfstoffe für Kinder in Mosambik

Margarida Matsinhe mit medizinischen Mitarbeitern und Patienten in einer Gesundheitsstation in Mosambik (Maputo, Mosambik, 2013).

Globale Ziele, lokale Änderungen

Das Bekenntnis zu ehrgeizigen Zielsetzungen im Bereich globaler Gesundheit und ein neues Gesundheitssystem ermöglichten es Äthiopien, die Kindersterblichkeit entscheidend zu reduzieren.

Ich erinnere mich noch an die bewegenden Bilder von Äthiopien in den Achtzigerjahren, als mehr als eine Million Menschen während einer Hungersnot starb, die am gesamten Horn von Afrika wütete. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde 1985 mit dem Live Aid-Konzert auf diese Tragödie gelenkt. Die Ursache der Hungersnot in Äthiopien war in einer langen Zeitspanne des Kriegs, politischer Unruhen und der Instabilität begründet. Fast bei jedem Gesundheitsindikator rangierte das Land auf dem letzten Platz. Die Kindersterblichkeit war dabei keine Ausnahme.

Hungersnöte, Krieg und politische Unruhen haben in den Achtzigerjahren in Äthiopien zur Vertreibung von Hundertausenden von Menschen geführt. Die Katastrophe löste weltweit eine enorme Spenden- und Hilfsbereitschaft aus (Äthiopien, 1984-1985).

Ungefähr vor 10 Jahren begann sich das Bild zu wandeln. Die Regierung setzte sich zum Ziel, allen äthiopischen Bürgern eine grundlegende Gesundheitsversorgung zu bieten. Als Äthiopien im Jahr 2000 die MDG-Vereinbarung unterzeichnete, fasste das Land seine ehrgeizigen Ziele im Gesundheitswesen in konkrete Zahlen. Das konkrete MDG-Ziel zur Senkung der Kindersterblichkeit um zwei Drittel stellte ein eindeutiges Erfolgsbarometer bereit welches Erfolg oder Niederlage misst. Das Engagement von Äthiopien in Bezug auf die MDG-Ziele bewegte viele Geber dazu, finanzielle Mittel für eine grundlegende Gesundheitsversorgung bereitzustellen.

Dabei fand Äthiopien ein erfolgreiches Vorbild. Der indische Staat Kerala hatte seine Kindersterblichkeitsrate gesenkt und eine Reihe weiterer Gesundheitsindikatoren verbessert. Das gelang nicht zuletzt durch ein riesiges Netzwerk an Gesundheitszentren auf Gemeindeebene. Das ist einer der Vorteile, die durch Messsysteme entstehen: Regierungen können Vergleiche zwischen den Ländern anstellen. Sie sehen, welches Land gute Erfolge erzielt und können von den Ländern mit den besten Ergebnissen lernen. Durch die Hilfe der Zuständigen in Kerala konnte Äthiopien im Jahr 2004 sein eigenes Gesundheitsprogramm auf Gemeindeebene einführen.

Heute verfügt Äthiopien über mehr als 15.000 Gesundheitszentren und bietet auch in den entlegensten Gebieten des ländlichen geprägten Landes 85 Millionen Einwohnern eine grundlegende Gesundheitsversorgung. In dieser sind 34.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die meisten sind junge Frauen aus den entsprechenden Gemeinden, die eine einjährige Basisausbildung des Gesundheitsdiensts erhalten haben.

Im Jahr 2009 reiste Melinda nach Äthiopien und sah mit eigenen Augen, welche Auswirkungen diese Gesundheitsreformen auf das Land hatten. Wo früher keine Gesundheitsversorgung existierte, verfügten ländliche Gebiete nun über Kliniken mit Impfstoffen und Medikamenten. Wo es früher nur geringe Kenntnisse im Bereich Gesundheit gab, erfuhr Melinda nun, dass die Mitarbeiter des Gesundheitssystems Geburtshilfe leisteten, Impfungen durchführten und die Familienplanung förderten.

Ich selbst konnte diesen Fortschritt bei meinem ersten Besuch in Äthiopien im vergangenen März erkennen. Bei meiner Reise durch das Land wurden mir die Probleme deutlich, die es in Äthiopien in Bezug auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gibt. Das ländliche Äthiopien besteht aus riesigen landwirtschaftlichen Flächen. 85 Prozent der Bevölkerung lebt auf Grundstücken mit weniger als 0,8 ha, die manchmal durch sehr holprige Straßen miteinander verbunden sind. Auf dem Weg zum Gesundheitszentrum Germana Gale sah ich Haufen von Zwerghirse, die für das weiche äthiopische Fladenbrot verwendet wird. Überall gingen Menschen zu Fuß. Es gab nur wenige weitere Fahrzeuge – auch nur wenige Fahrräder.

Das Zentrum war ein blassgrünes Betongebäude. Es war größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Man sah sofort, dass die Mitarbeiter sich gut darum kümmerten. Im Inneren zeigten mir zwei Mitarbeiter einen gut bestückten Schrank mit allem, was für ihre Arbeit erforderlich war, u. a. Folsäure, Vitamin-A-Tabletten sowie Malaria-Medikamente.

Genaue Datenerfassung in Gesundheitsstationen, insbesondere in Bezug auf den Gesundheitszustand von Neugeborenen, haben in Äthiopien zu einer Reduzierung der Kindersterblichkeit und höheren Durchimpfungsraten geführt(Dalocha, Äthiopien, 2012).

Die meisten Menschen werden im Zentrum behandelt, aber die Mitarbeiter machen auch Hausbesuche bei Schwangeren und Kranken. Sie vergewissern sich, dass jedes Haus über ein Moskitonetz über dem Bett verfügt, das die Familie vor Malaria schützt. Außerdem wird überprüft, ob eine Latrinengrube vorhanden ist, ob eine Erste-Hilfe-Schulung stattgefunden hat und ob eine Reihe weiterer Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt wurden. Eine Mitarbeiterin teilte mir mit, dass sie in diesem Jahr bereits bei 41 Entbindungen geholfen hatte. Die meisten fanden bei den Menschen zu Hause statt.

Alle diese Initiativen sind eher rudimentär, aber sie tragen dazu bei, das Leben der Menschen in diesem Land grundlegend zu verbessern. Die Kindersterblichkeit nahm ab. Ebenfalls sank die Anzahl der Frauen, die bei der Geburt starben. Mehr Frauen haben Zugang zu Verhütungsmitteln und können somit planen, wann sie Kinder möchten. Melinda möchte das Engagement der Stiftung in Bezug auf die Familienplanung verstärken (weitere Informationen enthält ihr folgender Beitrag).

Lassen Sie mich dazu die Geschichte einer jungen Mutter aus Dalocha erzählen. Sebsebila Nassir wurde 1990 auf dem Lehmboden der Hütte ihrer Familie geboren. Da die Versorgung mit lebensrettenden Impfstoffen nur spärlich war und es so gut wie keine Gesundheitsversorgung gab, starben ungefähr 20 Prozent aller Kinder in Äthiopien vor ihrem fünften Geburtstag. Zwei von Sebsebilas sechs Geschwistern verstarben im Kleinkindalter.

Seit 1990 ist die Kindersterblichkeit in Äthiopien um mehr als 60 % gesunken.

Aber als vor ein paar Jahren ein Gesundheitszentrum in Dalocha eröffnet wurde, begann sich das Leben dort zu ändern. Sebsebila hatte erstmals Zugang zu Verhütungsmitteln und konnte die Geburt ihrer Kinder nun so planen, dass sie und ihr Mann diese auch versorgen konnten. Während ihrer Schwangerschaft im letzten Jahr wurde Sebsebila regelmäßig von der Mitarbeiterin ihres Gesundheitszentrums untersucht. Die Mitarbeiterin ermutigte Sebsebila auch, ihr Baby im örtlichen Gesundheitszentrum zur Welt zu bringen – nicht zu Hause, wo sie ihr erstes Kind gebar.

Am 28. November setzten bei Sebsebila die Wehen ein und sie kam per Eselskarren in das Gesundheitszentrum. Dort stand ihr während der siebenstündigen Geburt eine Hebamme bei. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter, wurde diese gegen Polio und Tuberkulose geimpft. Die Mitarbeiterin des Gesundheitszentrums überreichte Sebsebila einen Impfpass für ihre Tochter. Dieser enthielt einen Zeitplan für weitere Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Meningitis, Lungenentzündung und Masern.

Ganz oben auf dem Impfpass war Platz für den Namen ihres Babys. Gemäß einer alten äthiopischen Tradition warten die Eltern damit, ihrem Kind einen Namen zu geben. In Äthiopien grassieren Seuchen, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft und die Kinder sterben meist in den ersten Lebenswochen. Sebsebila erhielt ihren eigenen Namen erst einige Wochen nach ihrer Geburt. Als vor drei Jahren ihre erste Tochter geboren wurde, folgte sie der Tradition und wartete einen Monat, bevor Sie ihr einen Namen gab, aus Angst, ihr Kind würde nicht überleben.

Nuria Ali, eine Mitarbeiterin im Gesundheitswesen, zeigt Sebsebila Nassir, wie sie sich nach der Geburt ihrer Tochter Amira um das Baby kümmern muss (Dalocha, Äthiopien, 2012).

Aber seit der Geburt von Sebsebilas erstem Kind hat sich in Äthiopien viel geändert. Diesmal hatte sie mehr Zuversicht in das Überleben ihres Babys und zögerte nicht, ihm einen Namen zu geben. Ganz oben auf den Impfpass schrieb sie also „Amira“. Das heißt auf Arabisch „Prinzessin“. Sebsebilas neuer Optimismus ist kein Einzelfall. Durch die Verbesserungen im Gesundheitssystem von Äthiopien konnte die Kindersterblichkeit seit 1990 um 60 Prozent gesenkt werden. Somit wird das MDG-Ziel bis zum Jahr 2015 wahrscheinlich erreicht. Viele Eltern haben nun die Zuversicht, ihren Kindern bereits am Tag der Geburt einen Namen zu geben.

Anhand solcher Geschichten wird die Bedeutung von Zielen und von Messsystemen, die deren Fortgang überwachen, ganz deutlich. Noch vor einem Jahrzehnt gab es in Äthiopien in ländlichen Gebieten kein schriftliches Dokument, in dem die Geburt oder der Tod eines Kindes festgehalten wurden. Im Gesundheitszentrum von Germana Gale sah ich Impfregister, Tabellen mit dokumentierten Malariafällen und anderen Gesundheitsdaten an den Wänden. Jeder Gesundheitsindikator war mit einem Jahres- und einem Quartalsziel versehen. Diese Daten werden in einem staatlichen Datensystem erfasst, so dass regelmäßig Berichte erstellt werden können. Alle zwei Monate werden die Berichte geprüft und es wird ermittelt, welche Maßnahmen funktionieren und wo eingegriffen werden muss.

Wenn man bei der globalen Gesundheit Erfolge erzielen will, muss der Fortschritt gemessen werden. Es ist aber sehr schwierig, diese Aufgabe effizient umzusetzen. Man muss präzise messen und eine Atmosphäre schaffen, in der Probleme offen besprochen werden können. Nur so kann wirklich herausgefunden werden, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht. Durch das Festlegen von Zielen im Bereich der Immunisierung und bei anderen Initiativen können staatliche Mitarbeiter im Gesundheitswesen motiviert werden. Es kann jedoch auch zu übermäßig vielen Berichten führen, anhand derer Konflikte mit direkten Vorgesetzten umgangen werden.

Die neueste Initiative in Äthiopien in Bezug auf die Überwachung des Fortschritts der Immunisierung ist ein gutes Beispiel dafür, wie man von Daten lernen kann und wie man die noch viel schwierige Aufgabe bewältigt, auf Grundlage der Daten die richtigen Lösungen anzubieten. Eine vor kurzem durchgeführte nationale Umfrage in Bezug auf Äthiopiens Durchimpfungsrate ergab Resultate, die sich ganz wesentlich von den Einschätzungen der Regierung unterschieden. Äthiopien hätte diesen Konflikt ignorieren und die besten Daten melden können. Stattdessen wurden unabhängige Experten zurate gezogen, die herausfinden sollten, warum die Messungen so unterschiedlich waren. Sie gaben eine detaillierte unabhängige Studie in Auftrag, die geografische Bereiche hervorhob, in denen sehr hohe und sehr niedrige Durchimpfungsraten erzielt wurden. Die Regierung arbeitet nun an der Entwicklung besserer Pläne für die Regionen, die bisher schlechtere Ergebnisse zu verzeichnen hatten.

Die Erfolge von Äthiopien in Bezug auf die MDG-Ziele erregt mittlerweile die Aufmerksamkeit der Nachbarstaaten. So wie zuvor Äthiopien vom indischen Bundesstaat Kerala lernte, führen nun andere Länder, u. a. Malawi, Ruanda und Nigeria, Programme zum Ausbau der Gesundheitsversorgung ein.

Messsysteme, Verhütungsmittel und eine Investition in die Zukunft der Familien

Sadi, eine sechsfache Mutter aus einem entlegenen Dorf in Nigeria, hatte bis nach der Geburt ihres dritten Kindes noch nie etwas von Verhütungsmitteln gehört. Dann begann sie die Geburtenabstände zwischen den folgenden Kindern zu vergrößern (Talle, Nigeria, 2012).

Von Melinda Gates

Bereits seit Jahrhunderten hat in allen Ländern der Welt die freie Entscheidung, wann und ob eine Familie ein Kind bekommt, große Auswirkungen auf die Gesundheit, den Wohlstand und die Lebensqualität. In vielen afrikanische Staaten südlich der Sahara und in Südasien haben hundert Millionen Frauen immer noch keinen Zugang zu Verhütungsmitteln.

Ein Ende von Polio zeichnet sich ab

Die Ausrottung von Polio gehört zu meinen Hauptanliegen. Aufgrund innovativer Messverfahren ist die globale Polio-Initiative diesem Ziel noch nie so nah gewesen.

Ein Impfteam an der Patna Railway Station bereitet sich auf eine Polio-Impfkampagne für Kinder vor (Bihar, Indien, 2010).

Die Ausrottung von Polio gehört zu den Hauptanliegen der Stiftung und gleichzeitig zu meinen persönlichen Prioritäten. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, welche Bedeutung genauen Messungen zukommt. 1988 einigten sich Organisationen wie die U.S. Centers for Disease Control and Prevention, Rotary International, das UN-Weltkinderhilfswerk UNICEF sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO zusammen mit vielen anderen Länder dieser Welt auf ein gemeinsames Ziel: die Ausrottung von Polio. Diese präzise Zielsetzung stärkte den politischen Willen und löste die Zurückhaltung bei der Spendenbereitschaft. Auf diese Weise konnten umfassende Impfkampagnen finanziert werden, die in kurzer Zeit enorme Fortschritte verzeichneten. Seit 2000 gelten Nord- und Südamerika, Europa und weite Teilen Asiens als poliofrei.

In den letzten zwei Jahren sank die Zahl der gemeldeten Poliofälle weltweit auf unter 1.000. Doch gerade diese letzten wenigen Fälle sind schwer zu bekämpfen. Masern führen zu sichtbaren Spuren auf der Haut und lassen sich daher leicht feststellen. Die Antwort darauf sind Impfungen der Kinder in den betroffenen Regionen. Eine Polioinfektion hingegen lässt sich erst nach mehreren Wochen nachweisen. Darüber hinaus entwickeln über 95 % der mit dem Virus infizierten Personen keine Krankheitssymptome. Sie können jedoch zu Überträgern der Krankheit werden, ohne es zu wissen. Dies wird auch als stille Infektion bezeichnet. Voraussetzung für die Eindämmung der Krankheit ist die mehrfache Impfung fast aller Kinder unter fünf Jahren über den Zeitraum eines Jahres. Dadurch wird die notwendige Immunität in den von Polio betroffenen Ländern erzielt. Der Schwellenwert für diese notwendige Immunität liegt in den von Polio betroffenen Regionen Afrikas und Asiens bei etwa 80-95 %. Konstante Durchimpfungsraten zur Gewährleistung des Schwellenwerts setzen jedoch rechtzeitige und präzise Messungen vor Ort voraus. Ein Unterschreiten des Werts kann in diesem Fall sofort signalisiert und die Gründe dafür untersucht werden, um entsprechende Korrekturmaßnahmen einzuleiten.

Nach jahrelangen Anstrengungen konnte Indien im letzten Januar stolz auf sein erstes poliofreies Jahr zurückblicken. Indien galt vielen als ein äußert schwieriger Kandidat für die Polioausrottung. Das Land weist dicht bevölkerte Ballungsräume, große ländliche Gebiete im Norden, eine unzureichende Sanitärversorgung sowie große mobile Bevölkerungsgruppen auf. Mehr als 27 Millionen Kinder werden dort jedes Jahr geboren – mehr als in allen Ländern Afrikas südlich der Sahara – und müssen geimpft werden. Der größte Erfolg der Initiative in den letzten zehn Jahren war die vollständige Eindämmung des Virus in diesem Land.

Nur drei andere Länder sind noch nicht poliofrei: Nigeria, Pakistan und Afghanistan. Ich habe vor vier Jahren den Norden Nigerias besucht, um die Schwierigkeiten bei der Ausrottung von Polio besser verstehen zu können. Mir wurde bewusst, dass das öffentliche Gesundheitswesen selbst grundlegenden Aufgaben vielfach nicht nachkam. Mehr als 50 % aller Kinder hatten keinen Zugang zu regelmäßigen Impfungen. Über die Anzahl der in der Region lebenden Kinder lagen keine verlässlichen Angaben vor. Das Qualitätsmonitoring, das bei jeder Poliokampagne standardmäßig durchgeführt wird, hatte gravierende Mängel. Statistische Daten zur Erfassungsqualität wiesen starke Schwankungen auf. Wir beschlossen, einen zusätzlichen Schritt zum Qualitätsmonitoring hinzuzufügen, um mehr Klarheit zu bekommen. Auf einer Landkarte sollten mehrere Orte nach dem Zufallsprinzip ausgesucht werden, um den Impfschutz der dort lebenden Kinder zu überprüfen. Für diese Tätigkeit wurden besonders ausgebildete Mitarbeiter eingesetzt, die an der Implementierung der Impfkampagnen nicht teilgenommen hatten. Es ging darum, absolute Objektivität zu wahren.

Die globale Polio-Koalition stellt gerade einen Plan zur endgültigen Ausrottung von Polio fertig. Mithilfe dieses Plans sollten wir die Ausrottung von Polio innerhalb der nächsten sechs Jahr bewältigen können.

Zu den größten Problemen gehörte das folgende: Viele kleine Ansiedlungen in der Region waren auf den von Hand erstellten Karten und Listen der Mitarbeiter nicht verzeichnet. Diese enthielten die zu besuchenden Dörfer und die Anzahl der zu impfenden Kinder. Folglich wurden diese Kinder nicht geimpft. Dörfer, die sich im Grenzbereich von zwei Karten befanden, wurden häufig keinem Impfteam zugeordnet. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Dörfern wurden darüber hinaus teilweise um Kilometer unterschätzt. Einige Impfteams konnten daher die ihnen zugewiesen Aufgaben nicht durchführen.

Wir ergriffen folgende Maßnahme: Mitarbeiter des Polio-Programms begaben sich in alle stark gefährdeten Gebiete im Norden des Landes. Sie durchkämmten nach und nach alle Gebiete und sprachen mit der dortigen Bevölkerung. Insgesamt konnten danach 3.000 weitere Gemeinden für die Impfkampagne erfasst werden. Für dieses Programm werden zudem hochauflösende Satellitenbilder verwendet, um detailliertere Karten zu erstellen. Auf den neuen Karten sind die Entfernungen zwischen den einzelnen Ansiedlungen nun richtig dargestellt. Im Rahmen einer effizienteren Aufgabenzuweisung erhält damit jedes Team ein realistisches Arbeitspensum von maximal einem Tag.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass einige Teams die ihnen zugewiesenen Gebiete nicht besuchten. Daraufhin wurden in einem Pilotversuch Telefone mit GPS-Funktionalität an die Mitarbeiter ausgegeben. Die Daten werden am Ende des Arbeitstags vom Telefon auf einen Computer heruntergeladen. Der entsprechende Verantwortliche kann dann die vom Mitarbeiter absolvierte Strecke mit der ursprünglich vorgegebenen vergleichen. Auf diese Weise können Gebiete, die zunächst übersehen wurden, erneut einbezogen und voller Impfschutz für alle Kinder gewährleistet werden.

Der intelligente Einsatz von Technologie kann zur Grundlage von gesunden Gesellschaften werden. In Nigeria wurden von Hand angefertigte Karten durch Satellitenbilder ersetzt. Dadurch können die Mitarbeiter im Gesundheitswesens Dörfer erfassen, die bei vorherigen Impfkampagnen übersehen wurden.

Die Regierung von Nigeria muss sich eine weiterhin enge Zusammenarbeit mit ihren Partner zum Ziel setzen. Methoden und Ansätze wie diese zur genaueren Ermittlung des Impfstatus im Norden Nigerias müssen besser angepasst werden. Bislang erzielte Fortschritte sind spürbar, denn die Zahl der Kinder mit Zugang zu Impfungen steigt.

Die aktuelle politische Situation in Pakistan und Afghanistan stellen das Programm vor weitere Herausforderungen. Im Dezember wurden neun Mitglieder einer Impfkampagne in Pakistan ermordet. Es ist mir unverständlich, warum diese Menschen, die sich einzig und allein für eine Verbesserung der gesundheitlichen Bedingungen von Kindern und für die Ausrottung von Polio einsetzen, Ziel dieser Anschläge geworden sind. Sie haben in meinen Augen wahre Heldentaten vollbracht. Der beste Weg, ihr Andenken zu ehren, ist die Vollendung ihrer Arbeit. Das Polio-Programm wird fortgesetzt. Wir werden zusätzliche Bemühungen zum Schutz der Sicherheit der Mitarbeit unternehmen und führende Persönlichkeiten der Gemeinden verstärkt unterstützen. Die internationale Polio-Koalition stellt gerade einen detaillierten Plan zur endgültigen Ausrottung von Polio fertig. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies innerhalb der nächsten sechs Jahr gelingen wird.

Das System zur Erfolgsmessung der Polio-Initiative wird sich auch für andere Aktivitäten im Gesundheitsbereich von unschätzbarem Wert erweisen wie z. B. bei der Grundimmunisierung von Kleinkindern. Die Ausrottung einer Krankheit, die bis zum heutigen Tag über 400.000 Kinder jährlich gelähmt hat, wird noch weitere positive Auswirkungen haben.

Metriken für Lehrer

Lehrkräfte erhalten selten eine Rückmeldung zu ihrer Arbeit. Neue Ansätze bei der Messung ihrer Leistungsfähigkeit ermöglichen Verbesserungen des gesamten Bildungssystems.

Im Oktober hielten meine Frau Melinda und ich uns in der Nähe von Vail in Colorado auf. Wir nahmen an einem Unterricht mit zwölf Schülerinnen und Schülern teil, die ihren High School-Abschluss vorbereiteten. Sie sollten dort erlernen, wie Sachliteratur verfasst wird. Als ich in die Runde blickte, sah ich, dass etwa ein Drittel der Klasse aus Hispanoamerikanern bestand. Etwa die Hälfte der 6.300 Schüler des Eagle County School District ist hispanoamerikanischer Abstammung. Innerhalb von Colorado weist der District einen der höchsten Prozentsätze an Schülern auf, deren Muttersprache nicht Englisch ist.

Wir wollten dem Unterricht von Mary Ann Stavney beiwohnen, einer der erfahrensten Mitglieder des Bildungssystems in Colorado. Sie unterrichtete an der High School und war Mitglied im Schulvorstand des Bezirks. Nach ihrer Lehrzeit an einem örtlichen College übernahm sie ihre heutige Rolle als Lehrerin für Sprachfertigkeiten und Sprache an der Eagle Valley High School.

Als Master Teacher an der Eagle Valley High School in Gypsum, Colorado teilt Mary Ann Stavney (stehend) ihre Zeit zwischen dem Unterrichten von Schülern und der Beurteilung von Lehrern (Gypsum, CO, 2012).

An diesem Tag vermittelte Mary Ann Stavney während einer 40-Minuten langen Unterrichtsstunde ihren Schülerinnen und Schülern, wie diese Behauptungen in ihren Aufsätzen mit Fakten untermauern können. In einer lebhaften Übung zeigte sie ihnen die Verwendungsmöglichkeiten von Elementen wie „weil“, „folglich“ und „obwohl“. Sie bezog ihre Schüler und Schülerinnen mit ein, indem sie durch die Reihen schritt, anregende Fragen stellte und eine lebhafte Beteiligung auslöste.

Melinda und ich konnten sehen, warum Mary Ann Stavney den Titel eines Master Teacher führt. Diese Auszeichnung wird an die besten Lehrkräfte der Schule vergeben und ist ein wichtiger Bestandteil des Bewertungssystems für Lehrkräfte in Eagle County. In dieser Rolle führt sie qualifizierte Bewertungen anderer Lehrkräfte durch und gibt ihnen Rückmeldung. Ihre Arbeit ist Teil eines umfassenderen Ansatzes zur Leistungsbewertung von Lehrkräften. Diese umfasst Leistungssteigerungen von Schülerinnen und Schülern, Bewertungen durch Master Teacher und Schulleiter sowie Umfragen bei Schülerinnen und Schülerin in Bezug auf ihre Lehrkräfte. Der Eagle County School District gehört zu den Vorreitern bei der Verwendung von unterschiedlichen Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Lehrkräfte.

Ich bin der Auffassung, dass wir ein Beurteilungssystem von Lehrkräften brauchen, das über eine angemessene Finanzausstattung verfügt, qualitativ hochwertig ist und das Vertrauen der Lehrkräfte genießt. Die Einführung eines solchen Systems würde eine entscheidende Veränderung des US-amerikanischen Schulwesens bedeuten.

Einige Jahre später erfuhr ich zu meinem Erstaunen, dass mehr als 90 % aller Lehrkräfte keinerlei Rückmeldung erhalten, wie sie sich weiterentwickeln können. Ein Großteil der heutigen Diskussion um Bildung dreht sich immer wieder um die Frage, wie Methoden zur Messung der Leistungsfähigkeit von Lehrkräften implementiert werden können und ob eine solche Messung überhaupt möglich ist. Dabei wissen wir eines nur zu gut: Wären alle Lehrkräfte nur annähernd so kompetent wie die Besten unter ihnen, so wäre unser Bildungssystem einfach einzigartig.

2009 gründete die Stiftung das Projekt MET (Measures of Effective Teaching, Messverfahren für kompetentes Unterrichten). 3.000 Lehrkräfte wurden bei der Entwicklung eines Beurteilungs- und Rückmeldungssystems einbezogen, das Lehrkräften bei der Weiterentwicklung helfen soll. Im Januar 2013 haben wir die endgültigen Ergebnisse des MET-Projekts veröffentlicht. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass es nachweisbare, wiederholbare und überprüfbare Methoden zur Messung der Leistungsfähigkeit von Lehrkräften gibt. MET strich einige Maßnahmen heraus, die Schulen zur Leistungsbewertung von Lehrkräften heranziehen sollten. Dazu zählen Umfragen unter Schülerinnen und Schülern und Rückmeldungen von ausgebildeten Gutachtern, die Lehrkräfte während eines Unterrichtsbesuchs beurteilen.

Im Gespräch mit Schülern der South High School (Denver, Colorado, 2012).

Colorado hat bei der Einführung dieser Grundsätze Pionierarbeit geleistet und wird dabei von Eagle County unterstützt. Vor etwa zehn Jahren verabschiedete sich der District von seinem konventionellen Beurteilungssystem, das auf dem Dienstalter aufbaute. Stattdessen wurde eine Beurteilung der Leistungsfähigkeit eingeführt. Dies fand zunächst keinen großen Anklang. Lehrkräfte sprachen sich gegen diesen in ihren Augen unzulänglichen Ansatz an. Er messe der Beurteilung durch Schülerinnen und Schüler zu große Bedeutung zu und habe zu wenig Unterstützung durch den District, lauteten unter anderem ihre Bedenken. 2008 hatten sich die Mehrheiten in der Leitung des Districts geändert. Dr. Sandra Smyser, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben, wurde neue Schulinspektorin.

Heute sind die Lehrkräfte davon überzeugt, dass das neue System sie bei ihrer Weiterentwicklung unterstützt. Im Verlauf eines Schuljahrs werden alle 470 Lehrkräfte des Eagle County dreimal beurteilt. Ihrem Unterricht wird mindestens neunmal ein Besuch abgestattet. Das Beurteilungsverfahren beginnt bei den als Mentoren zugewiesenen Lehrkräften. Sie verbringen 30 % ihrer Zeit mit Unterrichtsbesuchen bei ihren Kollegen und beraten sie in den notwendigen Bereichen. Dann führen der Master Teacher und der Schulleiter Unterrichtsbesuche mit und ohne Ankündigung durch. Master Teacher, die 70 % ihrer Zeit auf diese Aufgabe verwenden, halten vor jedem geplanten Unterrichtsbesuch eine Besprechung mit der Lehrkraft ab. Im Anschluss geben sie eine Rückmeldung an die betreffende Person.

Das System von Eagle County ist deshalb bemerkenswert, weil es um die Weiterentwicklung jeder einzelnen Lehrkraft geht. Die Beurteilungen enthalten nicht nur eine Note, sondern auch spezifische Empfehlungen in Bezug auf Verbesserungsmöglichkeiten und wie vorhandene Stärken weiter ausgebaut werden können. Neben dem Einzelcoaching setzen Mentoren und Master Teacher auch wöchentliche Gruppenbesprechungen an. Dort diskutieren Lehrkräfte über die Arbeiten ihrer Schülerinnen und Schüler und unterstützen sich gegenseitig mit ihrem Wissen. Lehrkräfte haben Anspruch auf jährliche Gehaltserhöhungen und Bonuszahlungen auf der Grundlage der Unterrichtsbesuche und der Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Nach Auffassung der Schulinspektorin Dr. Sandra Smyser hat das System zur Lehrerbindung beitragen.

Courtney Artis, deren Klasse zum MET-Projekts gehört, im Gespräch mit Kindern der Cornelius Elementary School im Alter zwischen neun und zehn Jahren (Cornelius, NC, 2012).

Das Gesetz des US-Bundesstaates Colorado sieht bis zum Schuljahr 2013-2014 die Einführung eines Bewertungssystems für Lehrkräfte vor. Dieses soll zu 50 % auf den Leistungssteigerungen von Schülerinnen und Schüler beruhen und zu 50 % auf anderen Kriterien. Dr. Sandra Smyser und ihre Kollegen hatten Schwierigkeiten, für die Bewertung der Lehrkräfte auf die Leistungssteigerungen von Schülerinnen und Schüler zurückzugreifen. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Leistungssteigerungen in Fächern wie Mathematik und den Wissenschaften leichter zu messen sind als beispielsweise in Musik und Kunst.

Budgetkürzungen stellen eine weitere Herausforderung für das Programm dar. Mentoren und Master Teacher erhalten eine Sonderentlohnung. Da die Beratung und Beurteilung einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit in Anspruch nimmt, muss der District zudem für Ersatzlehrkräfte sorgen. Dennoch konnte Eagle County trotz jährlicher Budgetkürzungen in den letzten zwei Jahren das System zur Beurteilung und Unterstützung der Lehrkräfte zu meiner großen Freude aufrechterhalten. Dieses System ist wahrscheinlich der Grund für die Leistungssteigerungen von Schülerinnen und Schülern in Eagle County in den vergangenen fünf Jahren.

Ich bin der Auffassung, dass wir ein Beurteilungssystem von Lehrkräften nach dem Vorbild von Eagle County brauchen, das über eine angemessene Finanzausstattung verfügt, qualitativ hochwertig ist und das Vertrauen der Lehrkräfte genießt. Die Einführung eines solchen Systems würde eine entscheidende Veränderung des US-amerikanischen Schulwesens bedeuten. Beurteilungssysteme müssen Lehrkräfte bei ihrer beruflichen Weiterentwicklung unterstützen. Die Lehren, die wir aus diesem Programm gezogen haben, werden uns auch bei der Verbesserung von Weiterentwicklungsprogrammen für Lehrkräfte helfen. Länder mit einem höher entwickelten Bildungssystem als die USA setzen Rückmeldung zur Leistung von Lehrkräften stärker ein als wir in unserem Land. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir sie übertreffen können.

Die Zukunft

Die Welt steht vielen Herausforderungen gegenüber. Wir können im Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheit in den nächsten Jahren jedoch entscheidende Fortschritte machen.

Die Lebensqualität der Ärmsten dieser Welt hat sich in den letzten 15 Jahren so schnell erhöht wie nie zuvor. Ich bin optimistisch, dass wir dieses Tempo in den kommenden 15 Jahren noch steigern können.

Die Lebensqualität der Ärmsten dieser Welt hat sich in den letzten 15 Jahren so schnell erhöht wie nie zuvor. Ich bin optimistisch, dass wir dieses Tempo in den kommenden 15 Jahren noch steigern können. Schließlich gewinnen wir stets an Wissen dazu. Die Entwicklung neuer Arzneimittel wie HIV-Medikamente und der Preisverfall für diese Produkte sowie die Züchtung von neuem leistungsfähigerem Saatgut sind hierfür konkrete Beispiele. Ihre Entwicklung kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Nun gilt es sie zu verbessern.

Skeptiker weisen auf die Schwierigkeiten hin, neue Methoden dort zu implementieren, wo sie gebraucht werden. Daher ist der innovative Einsatz von Messungen von herausragender Bedeutung. Das von mir beschriebene Verfahren basiert auf klaren Zielsetzungen, der Wahl des geeigneten Ansatzes, der Erfolgsmessung und Rückmeldung sowie auf einer kontinuierlichen Verbesserung des ursprünglichen Ansatzes. Dadurch können dort Produkte und Dienstleistungen bereitgestellt werden, wo sie benötigt werden. Innovative Lösungen zur Beseitigung von Engpässen bei dieser Bereitstellung sind von entscheidender Wichtigkeit. Die Geschichte der Dampfmaschine zeigt, dass Fortschritt weder selten noch unberechenbar ist. Wir können ihn sogar zu einer Normalität werden lassen.

Auch als Optimist verschließe ich nicht die Augen angesichts der anstehenden Probleme. Wir müssen einige Herausforderungen überwinden, bevor wir in den nächsten 15 Jahren weitere Fortschritte machen können. Dabei betrachte ich vor allem zwei Herausforderungen mit großer Sorge: Werden wir ausreichende Mittel zur Finanzierung von Gesundheits- und Entwicklungsprojekten bereitstellen können? Sind wir in der Lage, klare Ziele bei der Hilfe für die Ärmsten zu formulieren und sie gemeinsam zu verfolgen?

Erfreulich ist, dass viele Entwicklungsländer steigende Wachstumsraten verzeichnen und sie dadurch für die Unterstützung ihrer armen Bevölkerungsgruppen mehr Ressourcen einsetzen können. Indien ist inzwischen weniger abhängig von äußerer Hilfe und wird letztlich ohne sie auskommen.

Einige Länder wie Großbritannien, Norwegen, Schweden, Korea und Australien erhöhen ihre Hilfeleistungen. Andere, traditionell großzügige Geberländer wie Japan und die Niederlande haben sie reduziert. Es ist unklar, welche Richtung viele andere Länder wie die USA, Frankreich, Deutschland und Kanada einschlagen werden.

Hilfeleistungen bleiben jedoch weiterhin von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglichen eine Deckung der Grundbedürfnisse der Menschen in den ärmsten Ländern. Sie ermöglichen Innovationen bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen und ihrer Bereitstellung. Leider bleibt die Spendenbereitschaft von der Krisensituation in den meisten reichen Ländern nicht unbeeinflusst. Die Menschen konzentrieren ihr Interesse auf Probleme in ihrem Umfeld, sofern sie keine Rückmeldung zu den positiven Auswirkungen ihrer Spendenbereitschaft erfahren. Die geringste Information, ob zutreffend oder nicht, über den Missbrauch von Hilfeleistungen kann den gesamten Bereich diskreditieren. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach einer Investition in jeder Zeitung nur schlechte Nachrichten über den Kursverfall dieser Aktien und keine Erfolgsmeldungen lesen?

Lange Zeit nahm man Entwicklungshilfe nur als die Gesamtsumme von Spendengeldern wahr. Heute können wir jedoch Indikatoren wie Kindersterblichkeit messen. Die Auswirkungen ihrer Hilfeleistung werden den Menschen deutlich vor Augen geführt: Sie können durch die Finanzierung einer HIV-Therapie ein Leben retten, das sonst verloren wäre. So formuliert kann Entwicklungshilfe eine Priorität werden.

Begegnung mit Florence Daka und ihrem Sohn Stephen während eines Besuchs des Coptic Mission Hospital. Florence Daka ist HIV-positiv (Lusaka, Sambia, 2012).

Meine zweite Hauptsorge angesichts der nächsten 15 Jahre gilt der Frage, ob sich die internationale Gemeinschaft auf gemeinsame Zielsetzungen einigen kann. Die Vereinten Nationen haben mit der Ausarbeitung neuer Ziele für die Zeit nach 2015 begonnen, wenn die heutigen Millenniums-Entwicklungsziele ablaufen. Wie schon beim ersten Mal können diese Ziele dazu beitragen, die einzelnen Aktionsgruppen auf eine gemeinsame Linie einzuschwören, Wählern die Ergebnisse ihrer Spendenfreudigkeit zu präsentieren und uns unsere Fortschritte bei der Bereitstellung von Lösungen für Menschen in Armut aufzuzeigen.

Erfolgreiche Millenniums-Entwicklungsziele bedeuten ein gesteigertes Interesse an ihrer Fortführung in einem breiteren Rahmen. Viele der potentiell neuen Ziele finden jedoch keine einhellige Zustimmung. Außerdem bergen viele weitere Ziele bzw. schwierig zu messende Ziele die Gefahr, dass das Momentum verloren geht.

Die Millenniums-Entwicklungsziele waren in sich schlüssig, da ihr Schwerpunkt auf der Unterstützung der ärmsten Menschen der Welt lag. Die an ihrer Umsetzung beteiligten Gruppen konnten leicht identifiziert werden. Sie trugen ihren Teil der Verantwortung für die Zusammenarbeit und die zu erzielenden Fortschritte. Sollten die Vereinten Nationen Zustimmung zu weiteren Zielen wie die Abschwächung der Folgen des Klimawandels finden, so stellt sich die Frage, ob ein separater Prozess mit unterschiedlichen Akteuren dafür nicht besser geeignet wäre.

Ich hoffe, dass Sie beim Lesen dieses Schreibens meine Freude angesichts der in den letzten 15 Jahren erzielten Fortschritte bei der Unterstützung von Menschen in großer Armut teilen. Gute Nachrichten dieser Art erhalten wir nur einmal im Leben. Zudem genießen sie leider häufig nicht die Aufmerksamkeit eines Rückschlags wie dem Ausbruch einer neuen Epidemie. Wir sollten von Zeit zu Zeit innehalten und mit Stolz auf die Erfolge blicken, die aus der Verbindung angemessener Ziele mit politischem Willen, großer Spendenbereitschaft und innovativen Lösungen resultieren. Ich werde mich auf jeden Fall weiterhin und noch stärker engagieren.

Bill Gates
Co-Vorsitzender, Bill & Melinda Gates-Stiftung
January 2013

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